Zwischen Schule, Zukunft und Geborgenheit: Ein Rundblick aus Babété
- 1. Feb. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Apr.
36. Rundbrief, Februar 2025 |
Erst letzten Sonntag bin ich aus Kamerun zurückgekehrt und durfte dort eine wunderschöne, strenge, aber auch sehr eindrückliche Reise erleben. Ich bin dankbar für die vielen schönen Eindrücke und dafür, dass alles so reibungslos abgelaufen ist. Nun kann ich wieder aus ers-ter Hand be-richten, wie es im Dorf Babété momentan aussieht, was bei den Kindern im Waisenhaus gerade los ist, wie es den Schwestern im Kloster geht und welche wichtigen Ereignisse sich noch dazugesellt haben. Meine Reise war kurz, aber ich konnte in dieser Zeit einiges erledigen. Deshalb fühlte es sich an, als hätte ich viel Zeit mit allen verbracht.
Nun zuerst zum Waisenhaus. Den 16 Kindern geht es gut und es läuft eigentlich alles so, wie es eben immer läuft. Die meisten Kinder sind zufrieden, gesund und haben auch keine Probleme in der Schule. Die jün-geren bis zur 6. Klasse gehen in der Ecole Catholique in Babété in die Schule, welche wir natürlich auch noch besucht haben.
Wir, das waren Ramona und ich. Ramona konnte direkt mit mir mitreisen und wird als Volontaire noch 5 Monate in Babété bleiben. Es war für mich sehr schön, dass ich Ramona in dieser ersten Woche begleiten konnte und Ramona wiederum hatte eine strenge, aber sicherlich auch interessante Woche mit mir. Sie fühlt sich im Waisenhaus bereits pudelwohl und wird diese 5 Monate sicherlich sehr gut meistern. Ramona ist über die gleiche Organisation Voyage partage nach Kame-run gereist, wie ich vor 20 Jahren.
Nun aber wieder zurück zu den Kindern. Bereits seit längerem hat sich gezeigt, dass die Betreuung der Kleinen gut abgesichert ist. Die älteren Kinder und vor allem auch dieje-nigen mit schulischen Problemen oder ohne jeglichen Familienanschluss stellt sich aber zunehmend als Problem dar. So konnte ich mit den Schwestern einen Plan ausarbeiten, dass einmal pro Woche eine Austausch-Runde stattfindet für die vier älteren Waisenkinder wie Grazia, Prisca, Martin und Brian. Diese haben einfach andere Sorgen und Interessen und es gilt ihnen jetzt genügend Aufmerksamkeit zu geben.
Zudem werden wir für die Sommerferien für jedes Kind eine Familie suchen, bei welcher die Waisenkinder einen Monat verbringen können und auf diese Weise das normale Familienleben erleben. Auch ein grosses Thema war die Zukunft der Äl-teren. Grazia wird dieses Jahr die Schule abschliessen. Sie wird eine Ausbildung als Tierpflegerin starten. Brian und Prisca sind in der Schule gut und werden wahrscheinlich studieren gehen können. Nicht so Martin, der zwar technisch sehr begabt ist, aber grosse schulische Schwierigkeiten hat. Bei ihm müssen wir genau hinschauen, denn in Kamerun ist die Meinung weitverbreitet, dass die Kinder nicht genug lernen, wenn sie nicht gut in der Schule sind. Martin ist 14 und kann immer noch nicht richtig lesen. Er hat ganz klar eine Leseschwäche und es geht nicht darum, dass er das nicht will, sich aber deswegen natürlich schämt. Mein Heilpädagogisches Herz hat in der letzten Woche oft geblutet… Aber ich weiss, dass es auch viele Schwestern und Betreuerinnen gibt, die dieses Problem so sehen wie ich und auch gewillt sind, eine gute Hilfe und Unterstützung anzubieten.
Vor allem möchten wir versuchen zu verhindern, dass wieder ein Kind so abstürzt, wie das mit Benoit passiert ist. Vielleicht können sich einige von euch noch daran erinnern, dass Benoit als kleines Kind im Maisfeld ausgesetzt wurde und nur per Zufall rechtzeitig gefunden werden konnte. Im Waisenhaus hat man ihn aufgenommen und umsorgt. Doch wie bei vielen Kindern ist die Pubertät oft eine schwierige Zeit. Wir können nur erahnen, wie das für einen Jungen sein muss, der seine Familie nicht kennt und nur weiss, dass er von diesen Menschen ausgesetzt und verlassen wurde. Etwa mit 16 Jahren hat Benoit sich immer mehr vom Waisenhaus abgewendet, ist immer wieder ausgebüxt und hat begonnen zu stehlen und sich irgendwo herumzutreiben. Immer wieder haben die Schwestern ihn bei der Polizei abgeholt und versucht, ihn auf die rechte Spur zu bringen. Leider ohne Erfolg. Ich habe Benoit seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen. Kurz vor meiner Rückreise am Donnerstag wurde Benoit von einer Schwester bei der Polizei abgeholt, da er keine gültigen Ausweisdokumente besass. Er kam ins Kloster und wollte mich sehen. Ich hatte ehrlichgesagt ein wenig Bedenken, da ich in den letzten Jahren nur gehört habe, dass er stiehlt und zu einem Kleinkrimi-nellen geworden ist. Als ich Benoit aber sah, war das immer noch der kleine verlassene Junge, wenn auch einen Kopf grösser als ich und ich musste ihn einfach in den Arm nehmen. Wir mussten beide unsere Tränen runterschlucken und haben uns ein wenig unterhalten. Er hat mir versprochen, sein Leben zu ändern und ich hoffe ganz fest, dass Benoit das auch schafft. Es wird ein schwieriger Weg, aber wir sind für ihn da. Ich hoffe, dass er unsere angebotene Hilfe annimmt und ich euch bald schreiben kann, dass Benoit auf einem guten Weg ist.
Mir hat es wieder einmal gezeigt, dass Kamerun trotz grosser Unterschiede, auch viele gleiche Probleme hat wie wir. Pubertät ist auch dort Pubertät und eben eine schwierige Zeit. Das Wichtigste für alle unsere Kinder ist es, ob hier oder im Waisenhaus, dass sie wissen, dass sie willkom-men sind und wir ihnen Schutz, Geborgenheit und Liebe bieten. Es ist egal, wie stark sie in der Schule sind oder was sie angestellt haben. Wir müssen für diese unsere Kinder da sein. Dafür werde ich mich auch in Zukunft einsetzen, ob in Kamerun oder hier und ich freue mich jetzt schon, wenn ich in zwei Jahren wieder nach Babété gehe und sehe, wie sich die Kinder entwickelt haben.
Euch danke ich herzlich für eure Unterstützung, während, vor und nach meiner Reise und die vielen netten Kommentare.
In grosser Dankbarkeit
Verena, die Kinder vom Waisenhaus «Bon Samaritain» und die Schwestern vom Kloster St. Benoît in Babété






